Comeback durch Traumatherapie

Um den Jahresbeginn herum entschloss ich mich dazu, eine stationäre Traumatherapie zu machen. Nun, zwei Wochen nach Entlassung, möchte ich euch auf mehrfach geäußertes Interesse hin meine Erfahrungen schildern. Die Hintergründe zu mir seien hier kurz erläutert:

Als Jugendliche wurden mir mehrere psychische Krankheiten diagnostiziert und ich machte eine längere Therapie über mehrere Monate sowie einige Kriseninterventionen in einer geschlossenen Psychiatrie. Im Anschluss hatte ich rund zwei Jahre ambulante Gesprächstherapie zur weiteren Stabilisierung und Behandlung, bis diese nicht weiter erforderlich war. Zu diesem Zeitpunkt müsste ich 20 Jahre alt gewesen sein. Das junge Erwachsenenalter begann, ich erlebte die Höhen und Tiefen, die das Leben so mit sich bringt. In meiner letzten Partnerschaft manifestierten sich Schwierigkeiten im Erleben und Bewältigen meiner Emotionen, die sich rückblickend betrachtet auch schon ein bis zwei Jahre zuvor abzeichneten. Die ungesunde Beziehungsdynamik führte im letzten Jahr zu einer finalen Trennung, die mich so sehr an meine Grenzen brachte, dass nahezu alles an Lebenswillen, Perspektive und Kraft verpulvert war. Nahezu – ich gab nicht gänzlich auf, und vor allem taten das auch meine Herzmenschen nicht. Ich begann eine Verhaltenstherapie und war in der Tagesklinik. In dieser Zeit erlernte ich wichtige Grundlagen zur Wahrnehmung meiner Gedanken und Gefühle und begann auch einen gesünderen – nachsichtigen, selbstfürsorglichen – Umgang mit ihnen, und letztendlich mit mir. Weiterhin hatte ich große Schwierigkeiten damit, mich meinem Leben gewachsen zu fühlen. Und ich bekam nach erneuter Lebensmüdigkeit den Hinweis, dass eine Traumatherapie lebenswichtig für mich wäre. Also fasste ich nach weiteren Gesprächen den Entschluss, mich meinen vergangenen Verletzungen zu stellen, um sie endlich heilen lassen zu können, und mir und den Menschen vergeben zu können.

Für die stationäre Therapie auf der psychosomatischen Station Jona im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke hatte ich einen Brief über meine Beschwerden und Ziele an den Chefarzt schreiben müssen und ein Vorgespräch vor Ort hinter mich gebracht. Es wurde schnell klar, dass ich mir viel von der anthroposophischen Klinik mit ihren vielseitigen Therapiemethoden versprach, und da auch seitens des Stationsteams nichts dagegen sprach, konnte ich bereits 7 Wochen später meinen Umzug auf Zeit antreten. Ich hatte Angst vor untragbarem psychischem Schmerz und war gleichzeitig voller Hoffnung, in dem sicheren Rahmen einiges für’s Leben lernen zu können. Da ich an einem Donnerstag aufgenommen wurde, hatte ich bis auf die ersten Aufnahmegespräche mit dem Arzt, Therapeuten und Pflegepersonal die weiteren Tage zur Eingewöhnung, erste Therapien begannen am Montag. Die ersten drei Wochen waren für mich ein stetiges Wechselbad der Gefühle, da das Telefonieren oder jeglicher anderer Kontakt – bis auf das Schreiben und Empfangen von Briefen – zu den Menschen Zuhause untersagt war. Ich hatte dieser Regelungen mit dem Wissen darum, dass dies schwer würde, zugestimmt. Und es war schwer mich meinen Verlustängsten ausgeliefert zu sehen, und durch Auseinandersetzung mit diesen zu wachsen. In der zweiten Hälfte des Aufenthalts waren Telefonate, Besuche und Wochenend-Belastungserprobungen Zuhause erlaubt und erwünscht. Das hat mich zum einen froh gemacht, und gab mir zum anderen die Möglichkeit, Gelerntes nicht nur im Rahmen des Krankenhauses sondern auch im Erleben meiner gewohnten Situationen bzw. im Umgang mit meinen Liebsten zu erproben und über diese Erprobung direkt mit Therapeuten sprechen zu können. Das Therapieangebot war umfangreich und auf jeden Patienten individuell zugeschnitten. Einzel-Gesprächs- , Gruppen-Gesprächs- , Mal- , Sprechchor-, Achtsamkeits-, Garten-, Imaginationstherapie, Bezugspflegegespräche und Heileurythmie standen auf meinem Programm. Außerdem wurden Musik-, Theater-, Epochentherapie und Plastizieren angeboten. Dazu kam das Engagement des Pflegeteams, das zu regelmäßigen und festen Zeiten unter der Woche Sport, spielerische Wahrnehmung, Märchenstunde und gemeinsames Singen anbot. Individuell können auch Krankengymnastik und Gespräche mit z.B. Ernährungsberatern oder Sozialarbeitern vereinbart werden. Der Rahmen des Aufenthalts sah außerdem so aus, dass jede Mahlzeit gemeinsam zu festen Zeiten eingenommen wurde und aufgrund der oft bestehenden Esstörungsproblematik nicht außerhalb des Speiseraums gegessen werden sollte. Elektronische Geräte durften keine auf der Station genutzt werden (ich habe in den ersten zwei Wochen fünf Bücher gelesen). Der Rahmen mag erstmal kritisch beäugt werden, war für mich jedoch sehr hilfreich und einleuchtend. Alles zusammen hat so heilsam auf mich gewirkt, wie ich nicht gewagt hatte es mir zu erträumen. Diese Heilung erleben sehr viele Menschen dort, wie ich nach Gesprächen mit Mitpatienten feststellen konnte. Aus diesem Grund wünsche ich mir für jeden, der mit psychischen Krankheiten zu kämpfen hat, dieser Behandlung und damit sich selbst eine Chance zu geben.

Ich habe vor Ort alle meine gesetzten Ziele erreicht und damit meinen Energiehaushalt und meine Energiefresser besser kennen gelernt, mehr Belastbarkeit besonders im Umgang mit anderen Menschen erlangt, Selbstsicherheit und Selbstliebe gesteigert, Tätigkeiten und Gedanken zur bewussten Wahrnehmung und Bewältigung meiner Gefühle erlernt, Diagnosen abgeklärt und meine Stärke entdeckt, mich mit belastenden Ereignissen aus meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Zusätzlich habe ich meinen Umgang mit dem Essen verbessern können und mein Körperbewusstsein erhöht. Ich söhnte mich mit meinen Handlungen und Empfindungen in meiner Kindheit und mit der Retraumatisierung in den letzten Jahren aus. Ich habe Freudentränen geweint, als ich verstand, dass ich schon immer ein guter Mensch war. Mein Schlaf ist erholsamer und weniger belastet von Alpträumen. Ich bin endlich in 2019 angekommen, in meinem 29. Lebensjahr, in dem ich mich und mein Leben mag und weiß, dass ich meinen Gefühlen und Fähigkeiten vertrauen darf. Die Traumatherapie ist das beste, was mir passieren konnte und ich wende jeden Tag aufs neue an, was ich gelernt habe. Die Verhaltenstherapie, die ich weiter fortsetze, hat mir den Weg geebnet und ist auch weiterhin nicht für mich wegzudenken.

Titelbild: Model ich, Fotograf Detlev Janssen

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