Über Wut(ausbrüche), Autoaggression und Verhaltensmuster

Es ist so spannend für mich, meine Verhaltensmuster zu entdecken. Auch nach Jahren der Therapieerfahrung und innerhalb eines langen Genesungsweges, passiert das noch – natürlich tut es das, wir Menschen werden alle geprägt und entwickeln unsere Muster, und es kommen immer neue hinzu.

Ich liebe diese Aha-Effekte, in denen plötzlich der Groschen fällt. Es rastet im Hirn ein. Der Schalter wird umgelegt. Der Lichtkegel wird auf das gerichtet, was den Zusammenhang erklärt. Stellt sich der Aha-Effekt in Bezug auf die eigene Psyche ein, gehst du einen Meilenstein. Denn du hast etwas Essentielles verstanden, absolut begriffen warum du wie tickst und kannst entsprechend neue Muster bilden. Ein Therapeut, der mit dir harmoniert und die Bereitschaft, einen Seelenstriptease hinzulegen, sind so wahnsinnig hilfreich dabei.

Einen solchen Aha-Effekt habe ich vor kurzem in Bezug auf das Gefühl Wut erlebt.

Ich beschrieb, wie ich die Wut wahrnehme und wie sie verläuft und kommentierte auf Nachfrage ebenso, wie ich mich dabei fühle, darüber zu reden.

Wut – erstmal das nackte Gefühl, ohne Reaktion und Ventil – ist ein kaum zu ertragendes Gefühl für mich. Es lässt mich verzweifeln und ruft den Wunsch hervor, den Auslöser auf der Stelle zu eliminieren, weil ich das Gefühl habe, sonst zu ersticken. Dabei entsteht Wut, neutral betrachtet, damit der Mensch die Kraft hat, ein wichtiges Bedürfnis zu befriedigen.

Mein Kopf beurteilt Wut als etwas bösartiges, das bekämpft werden muss. Wut verletzt und vernichtet, sie ist ein Zeichen von Respektlosigkeit und Boshaftigkeit.

Ich begann im Teenageralter nahezu routiniert, mich bei Wut selbst zu verletzen. Der kaum aushaltbare Gefühlsstau war dann verschwunden und meine Gedanken klärten sich.

Innerhalb meiner letzten beiden Beziehungen entstanden Situationen, in denen ich die Wut nicht mehr gegen mich richten konnte und wollte. Doch ich hatte kein anderes Ventil gelernt. So entstand ein anderes Extrem, und die Wutausbrüche traten in mein Leben. Ich verletzte mit Worten, so hart ich konnte. Ich schrie, ich tobte, ich weinte. Ich war ein gewaltiger Sturm.

Diese Auffälligkeit hat sich mit der Zeit durch die Borderline Selbsthilfe stark verringert. Ich lernte achtsamer meinen Gefühlen zu begegnen und begann zu meditieren. Die Wutausbrüche wurden weniger, sanfter und hörten letztendlich auf. Dazu kamen die toxischen Beziehungsmuster, aus denen ich mich mit der Zeit befreit habe, und die zusätzlich eine Erklärung für die Häufigkeit der Wutausbrüche lieferten – aber das soll hier nicht Thema sein.

Auch heute noch ist Wut ein Gefühl, mit dem ich schlecht umgehen kann. Sie ist mit Scham verbunden, und ich bin hin und her gerissen zwischen dem Sturm und der Betäubung. Innerhalb meiner Therapie lerne ich:

Ich darf wütend sein. Ein Gefühl tut niemandem weh. Ich darf auch meine Stimme erheben und meine Macht demonstrieren, wenn ich bedroht werde.

Werde ich nicht bedroht, ist es wichtig, mir das klar zu machen.

Was passiert grade? Welches Bedürfnis meldet sich?

Atmen nicht vergessen.

Bin ich wütend? Wie sehr?

Ist die Anspannung sehr hoch, aus der Situation gehen und alleine ein Ventil finden: Schreiben, weinen, Sport.

Ist die Anspannung im mittleren Bereich (ich fühle meinen Körper und kann meinen Atem ruhig halten, Schwarz-Denken nicht aktiv), will ich meiner Wut durch Beschreibung Ausdruck verleihen. Ins Gespräch gehen und nach einer Lösung suchen. Es tut gut, einen Partner an meiner Seite zu haben, der mich so sehr unterstützt. Der in diesem Prozess, in dem ich lerne, für Wut ein gesundes Ventil zu finden, da ist, und fragt: Was kann ich dann tun? Was hilft dir?

Solltest du bis hier hin gelesen haben, aber dich im Thema nicht wiederfinden, dann kannst du vielleicht aus diesen Anstößen etwas mitnehmen:

Gibt es immer wiederkehrende Gefühle, bei denen du einen hohen Leidensdruck verspürst?

Bist du in bestimmten Situationen besonders emotional?

Fühlst du dich beschämt, wenn du weinst oder anderweitig eine Emotion zeigst?

Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch du bestimmte Muster erlernt hast, die bei Entdecken umgelernt werden können. Das bedeutet ebenso, dass du nicht „einfach so“ weinerlich/aggressiv/xy bist. Das bedeutet auch, dass du nicht Opfer deiner Gefühle bist. Setze dich mit deinen Glaubenssätzen auseinander, und hole dir auch gerne Unterstützung von einem Therapeuten, psychologischen Berater oder Coach.

Es gibt bereits viele gute Quellen zu diesem Thema, das ich nochmal getrennt in einem Beitrag aufnehmen und Empfehlungen aussprechen möchte. Dabei gilt wie immer: Melde dich gerne bei mir, wenn du Fragen oder Wünsche hast.

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