Venlafaxin: Lieferengpässe und Absetzerscheinungen

Seit 14 Monaten nehme ich nun Venlafaxin (Trevilor) ein, eingependelt hat sich die Dosierung bei 75 mg. Zu Beginn der Einnahme hatte ich für 7-14 Tage mit Kreislaufproblemen zu kämpfen, die aber insgesamt aushaltbar waren. Ich spürte aber auch psychisch sofort eine Wirkung: Ich fühlte alle Emotionen abgedämpft. Freude wurde nicht mehr zu Euphorie und Hilflosigkeit nicht mehr zu Verzweiflung. Das half mir wahnsinnig, denn ich hatte immer wieder mit Suizidgedanken zu kämpfen – auch unter der Einnahme von Venlafaxin – und konnte nun lernen mir die Gedanken zu erklären und meine Gefühle zu regulieren. Es ist leichter einen angreifenden Tiger zu bändigen, als eine ganze Horde.

Als ich mich zur Einnahme des Antidepressivums entschloss, hatte ich bereits mehrere wenig zufriedenstellende Erfahrungen mit Anafranil (Clomipramin), Zoloft (Sertralin) und Amitriptylin gemacht und für mich war klar: Wenn ich einen passenden und unterstützenden Wirkstoff finde, dann wird mich dieser so lange wie nötig und so kurzzeitig wie möglich begleiten. Ich fühlte mich zunächst gut beraten von der Ärztin in der Klinik … aber vielleicht hätte ich doch ein anderes Medikament (oder keins?) gewählt, wenn ich über die heftigen Absetzerscheinungen von Venlafaxin Bescheid gewusst hätte? I don‘t know – jeder Mensch reagiert anders und letztendlich ist es vergeudete Zeit, in hätte-hätte-Gedanken festzustecken.

In den „Genuss“ der Absetzerscheinungen bin ich schon vor dem bewussten Absetzen gekommen, nämlich bei vergessener und nicht nachgeholter Einnahme. An einem Tag hatte ich sie komplett vergessen und am nächsten Morgen 4 Std. später eingenommen – ich lag flach. Ich hatte Grippesymptome, wie ich sie von der einzigen (echten) Grippe kenne, die ich je hatte: Mein Herz raste, ich war ständig kurz davor mich zu übergeben, hatte Durchfall und ich hatte kaum Kraft zu stehen geschweige denn zu gehen, zumal ich sowieso nicht (ohne mich irgendwo fest zu halte) geradeaus laufen konnte, so schwindlig war mir. 2 Stunden nach der Einnahme des Venlafaxins waren die Symptome fast gänzlich verschwunden. Mir graut es seitdem noch mehr vor dem Absetzen.

Seit mehreren Monaten gibt es Lieferengpässe für viele Medikamente, auch Venlafaxin ist betroffen. Anfang November habe ich nur in einer von sieben angefragten Apotheken meine Dosis in retardierter Form erhalten können. Die meisten Apotheken haben gar kein retardiertes Venlafaxin mehr und können es auch nicht bestellen. Noch ist nicht ersichtlich, wann das Angebot die Nachfrage wieder decken kann. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht in Spekulationen einreihen („vom Markt genommen“, „wird ab Februar 2020 wieder produziert“). Während ich also versuchte, noch eine Packung meines Medikaments zu ergattern, ratterte es in meinem Hirn um die Frage herum: Was mache ich, wenn ich nichts mehr bekomme? Ich setzte mich mit dem Gedanken auseinander, die letzten verbliebenen Kapseln zum Ausschleichen zu verwenden, wobei hier nicht von „Schleichen“ die Rede sein kann, „Sprinten“ trifft es eher. Ich bin sehr froh, dass ich um diese Vorgehensweise herum gekommen bin, denn das hätte mindestens massive körperliche Probleme bedeutet, das ganze Ausmaß konnte ich mir zum Glück nicht ausmalen.

So bin ich nun aber beflügelt worden, mit dem Ausschleichen zu beginnen. Hier möchte ich mich ganz ausdrücklich davon distanzieren, Medikamente – in diesem Fall Psychopharmaka – auf eigene Faust und ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt abzusetzen! Auch ich habe mich mit meinem Vorhaben an meinen Psychiater gewandt, der grünes Licht gab und befürwortet, vom Venlafaxin weg zu kommen. Sollte ich unabhängig von Absetzerscheinungen feststellen, dass ich doch noch ein Antidepressivum benötige, um psychisch stabil zu bleiben, würde er mir zur Einnahme eines anderen Präparats raten.

Vor kurzem berichtete ich via Instagram (IGTV) von meinen Erfahrungen mit Venlafaxin und bat um Tipps und Berichte, wie das Ausschleichen gelingen kann. Ich stieß auf die „Kügelchenmethode“. Hier wird das Gewicht oder die Anzahl der Pellets (Kügelchen), die von der Kapsel umschlossen ist, alle 4 Wochen um 10% verringert. Der Zeitraum von 4 Wochen sollte bei einer Dosisverringerung nicht unterschritten werden, um den Höhepunkt der Absetzerscheinungen als auch die Gewöhnung des Körpers abzuwarten. Eine Dokumentation der psychischen und physischen Auffälligkeiten empfiehlt sich zusätzlich, um Zusammenhänge mit dem Ausschleichen zu erkennen und mit dem Psychiater gemeinsam zu entscheiden, ob diese auszuhalten sind, oder ob das Ausschleichen langsamer geschehen muss (z.B. in -5% Schritten).

Ich begann also damit, die Pellets zu zählen und entfernte 10% aus den Kapseln für die nächsten Tagen. Nach 3 Tagen stellten sich Herzrasen, Übelkeit und massives Schwindelgefühl ein. Deswegen fügte ich 5 % wieder hinzu und die Beschwerden ließen nach. Dennoch möchte ich probieren, ob eine Verringerung um 10% im Monat möglich ist, also versuche ich -5% alle 2 Wochen. Körperlich halte ich mich damit aktuell gut, psychisch bin ich etwas angeschlagen, vor allem spüre ich derzeit depressive Symptome. Ob die mit dem Ausschleichen in Verbindung stehen, kann ich aktuell aber noch nicht sagen. Daher versuche ich zunächst mit all dem Erlernten den Gedankenspiralen, der Lebensunlust und Freudlosigkeit entgegenzuwirken. Denn das sollte über kurz oder lang der Weg sein. Funktioniert er? Wunderbar! Funktioniert er nicht, werde ich mich an das professionelle Team um mich herum wenden und einen anderen Weg finden.

Ein Kommentar zu “Venlafaxin: Lieferengpässe und Absetzerscheinungen

  1. Gut, dass du das Venlafaxin noch bekommen konntest und nicht von jetzt auf gleich komplett absetzen musstest. Das klingt auch so schon heftig genug. Traurig, was das Profitdenken der Firmen den kranken Menschen beschert, die auf Medikamente angewiesen sind 😦

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