Die Maske ablegen

Was bedeutet es, eine Maske aufzusetzen? Wie sieht die Maske aus, und wozu dient sie?

Eine Maske hat per se nichts mit Unehrlichkeit zu sein. Aber sie lässt doch nicht zu, dass dein wahres Ich im Hier und Jetzt gesehen wird. Die häufigste Maske ist wohl das lächelnde Gesicht, viele kennen es aus ihrem Alltag. Es wird mal aufgesetzt, um einem Gespräch über die eigentlich vorherrschende Emotion aus dem Weg zu gehen, mal aber auch, weil sie aus einer Erwartungshaltung antrainiert wurde.

Letztere Maske versuche ich momentan bewusst abzulegen. Als ich meine ersten Schritte ohne sie ging, fiel mir erst auf, wie ungewohnt das ist. Und viel wichtiger: Wie wohltuend! Entsprechend spüre ich auch erst jetzt, dass mir diese Maske wahnsinnig viel Kraft raubt. Sie ist ein Energiefresser. Ohne sie bin ich sehr viel entspannter in der sozialen Interaktion. Ich darf ich sein, mich zeigen wie ich bin. Und mich nicht „verstellen“, mich nicht in meiner Kommunikation so anpassen, wie Mensch es von mir erwarten mag.

Diese soziale Maske (so nenne ich sie der Einfachheit halber) abzulegen dient mir also, um wieder zu Kräften zu kommen, und das hat Priorität. Dadurch erhalte ich aber natürlich Rückmeldungen, die ich früher durch diese Maske zu vermeiden versuchte. Ich wirke traurig, desinteressiert, gelangweilt, teilnahmslos. Es tut mir gewissermaßen Leid, dass mein Umfeld dadurch nicht das sieht, was in mir vorgeht. Nämlich dass ich sie liebe, mich freue, neugierig und interessiert bin usw. – aber das teile ich nun mehr mit Worten mit. Und das wird sich über kurz oder lang auch einspielen.

Wenn Mensch immer wieder Rückmeldung erhält (in Summe egal von wem, nämlich mehr oder weniger von allen), er wirke seltsam mit dem, was er tut, entwickelt sich in den meisten Fällen entweder die Trotz- und Abwehrreaktion („Ihr könnt mich alle mal, jetzt erst recht!“), oder die Anpassung (z.B. durch hohe Aufmerksamkeit und Nachahmen). Ich entwickelte hohe Erwartungen an mich selbst, mich zu verhalten wie andere es wünschen. Aber das änderte nichts daran, dass ich mit vielem, was andere Kinder oder Erwachsene taten, wenig anfangen konnte. Kommunikation und Emotionen sind eine seltsame Sache, ich beschäftigte mich also schon sehr früh mit Psychologie und verstand Mechanismen rein rational. Das half mir massiv durch’s Leben und brachte mich vor zwei Jahren zum totalen Zusammenbruch. Denn ich dachte, ich muss all das können, was vielen Menschen so leicht fällt, also zwang ich mich immer wieder in Situationen, die mich gänzlich überforderten und mein Stresslevel hoch hielten. Ich blieb in einer Beziehung, in der ich hätte lernen können, jemand anderes zu sein. Ich begab mich in den Einzelhandel und am Ende sogar in’s Call Center, wo ich hätte lernen können, kommunikativ zu sein.

Versteht mich nicht falsch: Ich verstehe Kommunikation und ihre Regeln, ich kommuniziere schriftlich gut und beherrsche laut gutachterlichen Tests (natürlich schriftlich, haha!) meine Sprache überdurchschnittlich gut. Und ich liebe meinen engsten Kreis aus Herzensmenschen, ich mag auch ihre Anwesenheit zu spüren und ich mag den Austausch mit ihnen, ich kann sehr viel Spaß haben und Liebe geben. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Menschen verlangen mir Smalltalk, Parties, Einsatz meiner Rede oder Handlungen, Telefonate, Begrüßung und Abschied, Redefluss, Verabredungen, Wortfindung, Deuten von Aussagen und Gesichtern unheimlich viel ab. Mein Kopfkarussel dreht unaufhaltsam, analysiert und bekommt alles mit. Und mit einigem kann ich durch meine Therapie und durch den Austausch mit Menschen, die ähnliche Schwierigkeiten haben, sehr gut lernen umzugehen. Meine sozialen Ängste werden tatsächlich aber an dem Punkt weniger, an dem ich meine soziale Maske absetze.

Wie jedes Muster braucht auch dieses Zeit und viel Übung, sich zu verflüchtigen. Es ist immer noch manchmal ungewohnt, meinen Gesprächspartner nicht direkt zu spiegeln, weil ich es mir so antrainiert habe (also z.B. zu lächeln oder zu lachen, wenn er es tut, weil ich glaube, das sollte jetzt so sein), oder ein Gespräch „künstlich“ am laufen zu halten, Menschen auf der Straße anzusehen usw.. Und es ist auch für meine Liebsten ungewohnt. Aber ich bin guter Dinge, dass wir mit einer Kommunikation ohne Maske einander weiterhin verstehen werden. Hilfreich dabei ist in jedem Fall, dass der Partner an meiner Seite den Spielebenen der Sprache (also z.B. im 4-Ohren-Modell die Ebenen neben der Sachebene) genauso wenig abgewinnen kann.

Ich bin es mir wert. Und ich lege meine Maske ab.

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