Psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit

Es herrscht immer noch viel Unwissenheit und Stigmatisierung in der Gesellschaft, die wiederum auf Menschen trifft, die sich noch mehr schämen und zurückziehen.

In meinem Leben gab es mehrere wichtige Zeitpunkte, zu denen ich mich für Sichtbarkeit meiner psychischen Erkrankungen entschied. 1. Mein dreimonatiger Aufenthalt in der geschlossenen Jugendpsychiatrie und meine Rückkehr in den Schulalltag (vor 11 Jahren). 2. Meine Borderline Diagnose (vor 5 Jahren). 3. Mein Burn-Out nach Re-Traumatisierung (vor 2 Jahren).

Jeder dieser Zeitpunkte stellte mich vor die Hürde, dass sich in meinem Leben grade vieles veränderte, ich lernte Grenzen neu zu setzen und Verhaltensmuster zu überdenken. Sollte ich das „im stillen Kämmerlein“ tun und nur das absolut Notwendige bei engsten Vertrauten ansprechen? Ich stehe auf Spiele mit offenen Karten und für mich ist es nahezu notwendig, alles zu verstehen, damit ich damit umgehen kann. Diese Chance möchte ich auch immer meinen Herzmenschen geben. Ich stehe auch nicht darauf, mich in meiner Genesung einzuschränken und über meine Grenzen zu gehen, weil andere Menschen denken, ich wäre in der Lage zu funktionieren, wie die Gesellschaft mich gerne hätte. Mit einem gebrochenen Bein tue ich auch nicht so, als bräuchte ich grade keine Gehpause. Menschen mit psychischen Erkrankungen trauen sich jedoch oft nicht, das zu tun, was sie tun sollten, um den Genesungsprozess zu fördern. Aus Scham und Angst. Weil wir immer wieder Vorurteilen, Stigmatisierung und Diskriminierung begegnen.

Es ist schwierig, die eigenen Grenzen zu erkennen – und erst, sie dann noch zu ziehen! -, wenn Mensch sich für seine Erkrankung verurteilt oder verurteilt fühlt. Ich habe mich aus dem Grund immer wieder für mich entschieden, für mich und meine Gesundheit. Es fällt mir dennoch immer noch und immer wieder schwer, Grenzen zu setzen. Denn auch ich neige dazu, mich ständig zu verurteilen. Diese Muster zu verändern ist schwierig. Zum Glück gebe ich mir aber die Chance, das zu lernen. Wer krank ist, aber so tut, als wäre er gesund, gibt sich diese Chance leider kaum. Sei es im Umgang mit dem Partner, mit Freunden und Familie, im Job, oder mit sich selbst. Erwartungen sind überall, das ist okay und normal. Der Job jedes Einzelnen ist es, diesen Erwartungen entgegen zu treten, wie es für ihn möglich ist. Verleugnest du deine Bedürfnisse, Gefühle, (Un-)Fähigkeiten und Wünsche, verleugnest du dich selbst. Du kannst sagen „ich habe Depressionen“ und im gleichen Atemzug stehst du deinen Heilungschancen im Weg, wenn du dich von Erwartungen anderer in eine Rolle oder einen Käfig sperren lässt.

Wenn du dich bei Gedanken wie „Andere machen das auch“ und „Ich muss das aber können“ ertappst, ziehst du dir meistens viel zu kleine bzw. zu große Schuhe an. Für nahezu alles, was du nicht kannst, gibt es zum einen eine Erklärung und zum anderen eine Unterstützung.

Du bist dadurch weder verrückt, noch verweichlicht. Du machst keine Rückschritte, wenn du bedürfnisorientiert lebst. Im Gegenteil.

Aus tiefstem Herzen wünsche ich mir, dass mehr Menschen ihre Zurfriendheit und Gesundheit an erste Stelle setzen. Und zum Glück treffe ich immer wieder einige von dieser Sorte. Und um dir Mut zu machen, teile ich meine Erfahrungen öffentlich. Es mangelt der Öffentlichkeit noch immer wahnsinnig (und hier liegt der Wahnsinn, den ich wirklich krank finde!) an Empathie und Verständnis. Jeder, der anderen Menschen die Akzeptanz psychischer Erkrankungen vermittelt, trägt zu einer positiven Veränderung bei. Jeder, der hingegen vermittelt, dass er sich mit seinen Erkrankungen nicht in Ordnung findet, macht es sich selbst und anderen Betroffenen noch schwerer, anstatt Verantwortung für sich zu übernehmen und Hand in Hand den Weg zur Genesung zu gehen.

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